Beschwerde an den Deutschen Presserat und Strafanzeige: BILD-Zeitung verbreitet Nacktfoto von vergewaltigtem 16-jährigen Mädchen [Kommentar]

Symbolbild zu Bild-Zeitung Gewaltberichterstattun
Symbolisch: Bildberichterstattung Bild-Zeitung

In einem Artikel der BILD-Zeitung, heute geteilt über den Twitterkanal @BILD_News, wurde ein Foto von einem nackten Frauenkörper gezeigt: Ein 33-faches Vergewaltigungsopfer, 16 Jahre.

Ich habe eine Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht und Strafanzeige bei der Polizei Berlin erstattet. 

Persönlichkeitsrechte und die BILD-Zeitung

Was an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten ist hat bei der BILD-Zeitung Tradition: Erst im letzten Jahr entschied ein Gericht, dass das Blatt die Rekordsumme von 635.000 Euro an Jörg Kachelmann zahlen muss, der trotz Freispruch vor Gericht von der größten deutschen Tageszeitung als Vergewaltiger dargestellt wurde.

Im Fall Kachelmann wurde ein freigesprochener Mann von der BILD-Zeitung zum Vergewaltiger gemacht, im Falle des 16-jährigen Mädchens wurde ein Vergewaltigungsopfer durch erneute Entwürdigung nochmals zum Opfer gemacht. Einen roten Faden in der “Berichterstattung” der BILD-Zeitung kann ich persönlich nicht erkennen;

Die BILD-Zeitung ist bekannt für ihren reißerischen und teilweise extrem unreflektierten Sensationsjournalismus. Menschen werden nicht selten an den Pranger gestellt und zum Objekt gemacht, um m. E. teilweise journalistisch absolut minderwertige Arbeit an die Leser zu bringen.

Untragbar: Bloßstellende Fotos von Opfern in der Tagespresse

Eine Fotografie eines Opfers veröffentlichen, die kurz nach der Tat – hier eine Vergewaltigung durch 33 (!) Männer – entstanden ist? Was muss in einem Menschen vorgehen, um so eine Aktion mit sich selbst und dem hohen journalistischen Ethos in Deutschland vereinbaren zu können?

Gibt ein Opfer, nachdem es wieder auf den Beinen steht, freiwillig ein Interview oder sucht es sogar selbst die Öffentlichkeit? – Ja, veröffentlichen Sie das Foto dieser Person mit deren Zustimmung. Veröffentliche ich einen Bildauszug eines Videos, das zeigt, wie eine 16-Jährige aussieht, die gerade von 33 Männern vergewaltigt wurde und stelle das als Artikelbild ins Internet? – Nein, sicher nicht.

Untragbar: Nacktfotos von Personen in der Tagespresse

Selbstredend hat der BILD-Journalist nicht vorab die Einverständnis des Mädchens oder der Eltern eingeholt, das Nacktfoto von ihr veröffentlichen zu dürfen. In Deutschland sind sogar Aufnahmen von Personen, die sich auf einer öffentlichen Toilette die Hände waschen, unzulässig, denn sie verletzen die Vertraulichkeit des hochpersönlichen Lebensraums.

Inwiefern soll dann ein Nacktfoto ok sein? – Natürlich kann in diesem Fall in keiner erdenklichen Konstellation die Veröffentlichung eines Nacktfotos in Ordnung sein. Und selbst unterstellt, man lässt das Rechtliche außen vor: Was für ein Mensch muss man sein, um sich eines Nacktfotos einer fremden Person ohne deren Einverständnis zu bemächtigen UND es dann noch zu veröffentlichen?

Untragbar: Nacktfotos von fremden Minderjährigen

Sebastian Edathy hätte vermutlich etwas dazu zu sagen. Ich führe das nicht weiter aus.

Strafrechtliche Wertung: Ist es zu rechtfertigen, ein Bild eines vergewaltigten, wehrlosen, nackten 16-jährigen Mädchens ins Internet zu stellen?

Kinder und Jugendliche müssen besonders geschützt werden. In Deutschland ist der Besitz und die Verbreitung von kinder- und jugendpornographischen Schriften gemäß § 184 ff StGB verboten.

Ich bin der Auffassung, dass der Besitz und die Verbreitung des Nacktbildes eines 16-jährigen, gerade vergewaltigten Mädchens gemäß 184c StGB strafbar ist und habe daher Strafanzeige gegen den Herausgeber der Bildzeitung Kai Diekmann sowie die Chefredakteure Julian Reichelt und Tanit Koch bei der Polizei Berlin erstattet. Ich habe auch Strafanzeige und -antrag in allen etwaig durch die Ermittlungsbehörden festzustellenden Straftaten erstattet.

Der verantwortliche Journalist hat im Mindesten moralisch verwerflich gehandelt. Der Autor hatte Kenntnis über das Alter des Opfers, denn im Artikel heißt es:

“Dort wurde eine 16-Jährige von einer Männergruppe brutal vergewaltigt.”

Der Journalist hatte Kenntnis, dass Strafverfolgungsorgane die Verbreitung des Fotos bereits als Grund für die Einleitung von Ermittlungen evaluiert haben, denn im Artikel heißt es:

“Gewalt gegen Frauen sei in Brasilien fest verankert, sagte Chakian, und es müsse nun ein Exempel gegen die Täter statuiert werden. Auch gegen die Internet-User, die die Bilder teilten und bejubelten, wird nun ermittelt. Die Staatsanwältin: „Sie müssen verstehen, dass sie so Kriminelle unterstützen – ihr Verhalten ist genauso schlimm wie die Vergewaltigung selbst.“”

Das bedeutet, dass der Autor nachweislich Kenntnis darüber hatte, dass die Weitergabe der Schriften (Bilder, Videos) bereits strafrechtlich verfolgt wird, daher strafrechtlich relevant und damit moralisch verwerflich sein kann.

Weiterführende Links

Zum Sachstand der Beschwerde beim Deutschen Presserat und

zum Sachstand der Strafanzeige gegen den Herausgeber, sowie

zur Sanktion durch den Deutschen Presserat.

Bitte: Seien Sie sensibel im Umgang mit Opfern

Nach über zehn Jahren ehrenamtlicher sozialer Arbeit weiß ich, dass sich die Art der Aufarbeitung des Traumas von Opfer zu Opfer maßgeblich unterscheidet.

Manche Menschen haben einen starken Drang, darüber zu reden, manche Menschen verschließen sich; Beides ist Teil des individuellen Verarbeitungs- und Heilungsprozesses der ausnahmslos gewürdigt und unterstützt werden muss.

Manche Opfer suchen in der Aufarbeitung die Öffentlichkeit, manche möchten oder können nur über Teilerlebnisse reden, manche möchten nur objektiv beschreiben, was geschah und nicht über die Gefühle reden, manche möchten sich gar nicht mitteilen und alles mit sich selbst ausmachen. Nicht selten verschließen sich Opfer aufgrund der Traumatisierung sogar so, dass sie nicht einmal den Weg zu Ermittlungsbehörden beschreiten und Anzeige erstatten.

Opfer haben durch die empfundene Entwürdigung das Gefühl, sich durch weitere Mitteilung erneut selbst zu entwürdigen. Besonders Opfer sexualisierter Gewalt empfinden im Nachhinein Schutzlosigkeit und Hilflosigkeit. Sexualität ist der hochpersönlichste Lebensbereich, der verletzt werden kann.

Bei jungen Opfern ist es noch viel schwerwiegender: Junge Menschen sind noch nicht in sich gefestigt. Sie sind beeinflussbar, prägbar und formbar. Kein Opfer wird jemals “vergessen” was ihm angetan wurde. Die Tatsache, dass das 16-jährige Mädchen ein weiteres Mal durch die Verbreitung von Aufnahmen des traumatisierenden Erlebnisses zum Opfer gemacht wird, bedingt, dass mit diesen Personen und den Informationen sehr sensibel umgegangen werden muss.

Dem widerspricht, dass Details aus dem Tathergang ohne der Kenntnis des Opfers und insbesondere gegen den Willen des Opfers öffentlich gemacht wurde.

Dem widerspricht des Weiteren, dass die BILD-Zeitung diese Fotos zur “Aufwertung” minderwertiger journalistischer Arbeit nutzt, die sonst m. E. kaum jemand lesen würde.

Opferhilfe: Beratungsstellen und Ansprechpartner

Sind Sie selbst Opfer oder AngehörigeR von Opfern, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, erhalten Sie unverbindlich und kostenlos Hilfe bei religiösen Seelsorgern, z. B. Pfarrern, bei Ärzten, Psychologen und spezialisierten Beratungsstellen:

♢ Die Caritas e. V.

♢ Der weißen Ring

El Faro – Verein zur Hilfe und Unterstützung von Opfern sexueller Gewalt e. V.

♢ Das Hilfeportal “Sexueller Missbrauch” Berlin
“Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs”

♢ Das Bundesministerium für Gesundheit,

sowie bei weiteren Beratungsstellen vor Ort, die Sie u. a. bei den o. a. Stellen erfragen oder über die Internetsuche finden können.

Diese christlichen Seelsorger, Ärzte, Psychologen und die Sozialarbeiter in den Beratungsstellen sind zur vollen Verschwiegenheit verpflichtet.

2 Kommentare

  1. Ich finde es gut, dass du dich für die Opfer einsetzt. Den weissen Ring kann man aber nicht empfehlen. Ich habe mir auch Hilfe von ihm als Opfer erwartet. Aber keine erhalten, ausser noch ein paar Lügen, dass man hilft. Meist sitzen dort ehemalige Polizisten, als Hilfssherrife, die ehr im alten Beruf hätten weiterarbeiten wollen und ihr Ego aufpolieren. Wenn man sich beschwert, dann erfährt man, dass eine festangestellte (also nicht ehrenamtliche) sich vehement und lautstark gegen Kritik wehrt und dass das überhaupt nicht sein kann, was man einer Aussenstelle vorwirft.
    Man ist dort auch nicht auf traumatisierte vorbereitet, weil man in keinster Weise mit Ofern umgehen kann. Diese werden dadurch noch zusätzlich geschädigt, weil man der Institution keinen Glauben schenken kann. Auch ist es Voraussetzung, dass die nach Hause kommen. Wieso? Um einen zu Hause auszuspionieren, aus was für Verhältnissen man kommt? Oder wie oft von Opfern auf Beschwerdeplattformen gesagt, dass hier ein paar Rentner einen Kaffeekränzchen abhalten. Es ist nicht Aufgabe von Opfern den Weissen Ring zu bewirten.
    Ich habe ehr den Eindruck, dass eigene Reihen dort geschützt werden und richtig viele Spendengelder kassiert werden, die aber nicht beim Ofer ankommen! Hilfe Null. Man fühlt sich rechtelos denen gegenüber. Keine Hilfe. Nur zusätzliche Beschämung und Problemablage von denen. Vermutlich brauchen die die Hausbesuche um dann Reisekosten und Spesen abzurechnen von den Spendengeldern, die anscheinend kaum jemand erhält.
    Man erhält nach dem Hausbesuch lediglich einen Anwaltgutschein für eine Erstberatung über etwa 70 Euro. Ich habe diesen nicht erhalten. Also auch keinen Anwalt.
    Die Hotline scheint ok, aber wenn jemand abgestupft ist und kein Feingefühl fürs Opfer hat, ist es ehr noch ein zusätzliches Ärgernis. Es werden auch vor allen Dingen, auch wenn man sonst nichts kann die PLZ verlangt, für die Statistik!
    Wichtig – weil damit kann man ja belegen, wiieee vielen man geholfen hat (oder eben nicht).
    Fazit: Es gibt keine professionelle ordentliche Opferorganisation. Man wird aber ständig drauf verwiesen, was den Eindruck erweckt, dass es so etwas gibt.
    Opfer erhalten meistens keine Hilfe
    Ärzte sind überbelegt, man muss Monate auf einen Facharzttermin warten, dann werden aber die nötigen Untersuchungen nicht durchgeführt.
    Opfer werden gern bloßgestellt.
    Keiner will was mit Opfern zu tun haben im dörflichen Umfeld, es könnte ja Nachteile geben, wenn ein Täter mächtig ist.
    Die Polizei ermittelt auch nur ungern.
    Staatsanwälte sitzen auf einem hohen Ross und sind Egomanen und auf beiden Ohren taub und blind.
    Man hat schon den Eindruck, dass es Hinterorganisationen gibt, die sich selber schützen und faken.
    Deshalb werden auch Ofer gezeigt, aber Täter geschützt. Der normale deutsche Mann ist in Bordellen sowieso schon verroht und will sich ja vorstellen können, wie so eine Vergewaltigung aussieht und das soll er dann wohl auch, indem das Nacktfoto gezeigt wird.
    Deutsche Männer sind verroht. Ich glaube den Vergewaltigungsopfern übrigens mehr als Kachelmann, der keinen Respekt vor Frauen hat. Männer nutzen wenn keiner hinschaut oft jede Gelegenheit um an den Zug zu kommen. Gewalt ist an der Tagesordnung, so dass keiner hilft, weil es ja ständig und überall passiert.
    Ehr haben alle Angst selbst dran zu sein. Täter werden durch ein nicht funktionierendes System geschützt statt dass sie bestraft werden. Die Staatsanwälte stellen Verfahren sehr gerne ein.
    Übrigens sagt einem schon der weisse Ring, dass selbst Offizialdelikte wegen mangelndem Interesse eingestellt werden. Eigentlich ist der weisse Ring perfekt dafür um Opfern zu sagen, dass man sich keine Hoffnungen machen soll, dass dem Täter eine Strafe blüht.
    Man kann auch bei ehemaligen Polizisten nicht ausschließen, wie ich auch oft las, dass diese hinter dem Rücken des Opfers mit der Polizei sprechen, immerhin überträgt man etliche Rechte an die. Dies würde ich auch keinem empfehlen.
    Am besten wandert man in ein Land aus, wo die Welt in Ordnung ist. Ich bin offen für Vorschläge!
    Es gibt offenbar auch keine Kontrolle dieses Vereins.
    Danke übrigens für die Meldung an den Presserat.
    Aber ich gehe davon aus, dass das nichts bringt.
    Höchstens Adel und Geld können sowas beeinflussen. Geld hat die Macht.

    1. Liebe Lina,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und die Schilderung Deines Erlebnisses mit dem Weißen Ring e. V. Meine Antwort hat etwas länger gedauert, da ich wegen meinem Studium derzeit sehr wenig Kapazitäten habe, meine alten Projekte wie vorher zu betreuen bzw. zusammenzuhalten.

      Falls Du möchtest und kannst, würde ich Deine Erfahrungen mit dem Opferschutzring gerne journalistisch aufbereiten. Ich arbeite auch ehrenamtlich im sozialen Bereich und die Art, wie Du mir Dein Erlebnis schilderst lässt mich annehmen, dass Dein Ärger und Dein Gefühl der Hilflosigkeit alles andere als unbegründet ist; Du kannst dabei anonym bleiben – als Journalistin darf ich mich – auch vor Gericht – auf den Quellenschutz berufen.

      Du kannst Dich auch gerne so an mich wenden, wenn Du mit jemandem sprechen oder schreiben magst. Das ist nur ein meinerseits aufrichtig gemeintes Unterstützungsangebot ohne jegliche Erwartungen an etwas.

      Vielleicht magst Du Dich mal in einer Email an mich wenden: Info@KralovaRecht.eu. Ich betreue diesen Blog ab sofort immer sonntags.

      Der Presserat hatte damals eine Missbilligung gegen Bild Online ausgesprochen, worüber wir hier berichtet haben: https://kralovarecht.eu/presserat-missbilligung-bild-online/

      Auch falls Du Dich nicht mehr meldest wünsche ich Dir alles Liebe und Gute. Bleib stark!

      Kristina

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